Documenta 14

Aufgewachsen in Kassel habe ich, wie sehr viele Kassler, Kasselaner und Kasseläner, schon auf einer documenta gearbeitet. Auf der dX. Als Aufsicht. Eintrittskarten kontrolliert. In der Taschenabgabe. Taschenabgabe war Sport. Einen Rucksack an einen Haken hängen, okay. Tausend Rucksäcke an tausend Haken hängen merkt man in den Armen. Aufsicht war überraschend. Ich stand in der Regel fünf Stunden vor dem gleichen Kunstwerk. Früher oder später machte es dann klick und ich verstand den Gedanken dahinter – oder glaubte es. Was in der Kunst wieder zur Kunst wird. Kapiert?

Alle fünf Jahre ist documenta. Zur documenta fährt man heim. Diesmal waren die Stadttore verhüllt. Nicht, das man heute Kassel noch durch sie die Stadt betritt. Aber symbolisch immerhin das Gebiet der documenta, die an vielen Standorten verteilt ist.

Mich hat es an ein besetztes Haus erinnert. Wir kamen zuerst und wir gehn auch zuletzt. Es sind Kakaobohnensäcke aus Ghana. Zusammengenäht in Kassel. Die graden, peniblen Nähte wollen nicht ganz zum zerrissenen, nach Kakao riechenden Material passen. Da fiel es mir zum ersten Mal auf, dass Hübsche.

Es ist wie mit den Röhren.

Ich hatte ein Gespräch mit einer Person. Die fand die Röhren unmöglich. Ursprüglich wohnten Geflüchtete in solchen Röhren. Sie haben sich dort angeblich eingerichtet mit dem, was sie hatten. Dass nun Designstudenten das so hübsch darstellen, das sei geschmacklos. Ob das nicht immer der Fall sei, wenn Künstler im Rahmen einer Ausstellung Realität in Kunst übersetzten, wand ich ein. Das sei schließlich keine Abbildung wie eine Reportage. Sondern eine Transformation. Ich erzählte ihr von den Nähten. Wir einigten uns, das die Röhren Emotionen in uns auslösen und das sei ja schon was.

Dem Herkules geht es zum Glück gut, das ist das Kassler Wahrzeichen, der sonst auf diesem Oktogon steht. Die Freiheitsstatue „brummer nit“. Kasselänerisch für „brauchen wir nicht“. Haha. Ne, war nur Spass, wir würden sie nehmen. Wer weiß schon, wie es kommt. Vielleicht brauchen wir sie bald. Alles kann in einer Stunde kaputt sein. Im Ernst.

Eine Stunde.

Hiwa K. hat in einem Video einen Flüchtling von der Stadt K. erzählen lassen. Dazu Bilder einer zerstörten Stadt. Wie schrecklich es dort sei. Es klingt wie ein Bericht von heute. Ein paar Räume weiter sieht man ein Modell des zerbombten Kassels.

Das steht dort immer, im Stadtmuseum. Was auf der Tafel steht, wusste ich nicht. Ich wusste nicht, wer. Ich wusste nicht wieviele. Ich wusste nicht wann.

Es geht auf der documenta 14 viel um Flucht, Vertreibung, Krieg. Eine Stunde. Das hat mich, wie man so sagt, abgeholt, da, wo ich herkomm.

Das bringt mich zu einem Mundartgedicht von 1919, an dem ich soeben vorbeigekommen bin. Es geht um den Herkules.

Das fand ich das beste Objekt. Eigentlich nur, weil es so fantastisch ironisch ausgestellt ist. Es ist ein kleines Männchen. In der hinterletzten Ecke. Schön, dass es dabei war.

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