Montagmuseum #5 (04.02.2019)

araki Finger im Po

im „C/O Berlin“. Ausstellungshaus für Fotografie im Amerika Haus. Wechselnde Ausstellungen internationaler Fotografen. Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin

Gedanken eines Keks

Während ich die Stufen zur Araki-Ausstellung „Impossible  Love“ im zweiten Stockwerk des Amerika-Hauses hochgehe, höre ich das Gespräch eines Paares, das mir entgegen kommt.

Er: „Bist du schon durch?“

Sie: „Ich hab keine fünf Minuten ausgehalten. Mir ist richtig schlecht geworden.“

Er: „Mir auch. Ich hätte fast in die Ecke gekotzt.“

Sie: „Das ist bestimmt schon mal jemandem passiert.“

Ich sehe viele Fotos von gefesselten Frauen. Fotos mit gefesselten Frauen, muss es der Eindeutigkeit halber heißen. Die Kunsthistorikerin in mir flüstert: „Shibari heißt das. Dazu hast du mal auf der documenta eine Arbeit gesehen. Abgefahrene  japanische Underground-Kultur.“ Aber ich bin nicht als Kunsthistoriker unterwegs, sondern als Autorin. Die sucht nach Emotionalem in der Fotoreihe, die den Tag dokumentiert, an dem die Ehefrau des Fotografen gestorben ist. Unterstellt den Katzen auf den Fotos eine innere Haltung. Und die hübschen Blumenbilder. Bis ich mich LANGEWEILE. Das Gespräch des Paares am Eingang hatte mich für das Schöne versaut.

Ja, wo wird es denn eklig, Araki, denke ich und bilde mir ein, dass sich eingeölte Hanfseile um meine Arme winden. Meine Haltung wird aufrechter.

Es gibt in einem Vorraum einen Film über ihn, ein Interview. Er macht auf mich einen fröhlichen Eindruck, ein dicker Mann, der sich beneidenswert selbstbewusst für ein Genie hält. Exzentrisches Brillengestellt, so asiatisch. Ich stelle ihn mir beim Sex mit gefesselten Prostituierten vor. Das erscheint mir dann allerdings respektlos, seine Sexualität geht mich nichts an.

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Lange schaue ich mir die großformatigen Stilleben an. Blumen mit kaputten Puppen. Ich bin ein visueller Typ. Wenn ich realisiere, dass die Rosenblätter die gleiche Farbe haben wie blutiger Haut, setzt das bei mir Glückshormone frei.

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Kein Ekel. Spüre, wie ich mich sträube.  Sei nicht so stur, denk nach über Sex. Eine flüsternde Männerstimme zieht meine Fesseln enger, meine Brust tritt hervor. Im Studium, als wir uns durch Jahrzehnte männerdominierte Kunst geschaut haben, stellten wir uns oft vor, wir wären Männer. Das half. Nicht ständig so angepisst zu sein. „Klar ist das sexistisch“, höre ich meine Dozentin aus dem Seminar „Die Bibel für Literaturwissenschaftler“ sagen und eine wegwerfende Handbewegung machen. „Drauf geschissen.“

Doch mein männlicher Blick will bei Araki nicht so richtig klappen. Er passt nicht zu meinen unterm Mantel gefesselten Armen. Etwas in mir weigert sich, heute einen Mann zu spielen. „Wenn du ein Mann wärst“, sagt es, „wärst du nie eine Ausstellung gegangen, in der es um Finger im Po geht.“

Das ist es. Plötzlich lockern sich die Fesseln. Als Frau schaue ich mich neugierig um. Keine Sekunde darüber nachgedacht, was die anderen Leute von dir denken, hast du. Keinem der Blicke unterstellt, sie bedeuteten: „Hat selber keinen Sex und muss deswegen Porno im Museum gucken.“ Als Frau finde ich mich selber unverdächtig. Kein Zweifel, dass ich hier bin wegen der Kunst. Und nicht wegen Voyeurismus. Frau ist frei.

Suche nach Männern, die sich die Bilder anschauen. „Ihr Perverslinge“, denke ich und belauere sie. Da sind drei Jungs, vielleicht auf ihrer Abi-Abschlussfahrt in Berlin. Sie sehen nicht nach Kunst-Leistungskurs aus, ich würde tippen: Geschichte. Sie kichern nicht, wirken nicht aufgegeilt. Sie betrachten die Bilder interessiert. Als einer von ihnen sieht, wie ich eines der Fotos abfotografiere, stupst er seinen Kumpel an und zeigt auf mich.

Während ich auf meinem Display checke, ob es auch scharf geworden ist, spüre ich ihre Blicke auf mir. „Bunnys“ nennt man in der japanischen Bondagekunst angeblich die weiblichen Gefesselten. Doch das Foto, dem ich unterstelle, dass es bei dem eingangs erwähnten Paar den Ekel ausgelöst hat, ist das hier. Die Frau als Keks. Also echt.

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