Montagsmuseum #10 (11.03.2019)

 

Villa Heike, Ausstellung „Villa Heike and other stories“

 

Die Heldin dieser Geschichte ist eine Villa namens Heike.

Heike war keine Frau, sondern ein Mann namens Richard Heike, Ingenieur, der 1903 eine Fabrik für Fleischermaschinen gründete. Er verdiente ein Vermögen, baute eine preußische Villa mit antikischen Säulen im Eingang und gab dem Ganzen einen Mädchennamen, der aber keiner ist, weil er ein Nachname ist. Das ging schon gut los.

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Richard Heike wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges, beim Einmarsch der Rotarmisten, erschossen. Vor der Tür der Villa Heike. Es gibt davon keine Aufnahmen, aber ich stelle es mir vor wie im Theater. Villa Heike ist die Kulisse, die Straßen mit Kopfsteinpflaster die Bühne und Richard Heike in einem preußisch-blauen Morgenmantel, stürzt, von hinten getroffen, mit erhobenen Armen zu Boden. Eine Blutlache breitet sich aus, Signalrot im staubig-grauen Berlin. Das Orchester setzt ein.

In der DDR zog die Stasi in die Villa Heike. Es ging nun nicht mehr um Maschinen, die Fleisch verarbeiten, sondern um den Nationalsozialismus. Besser gesagt, das geheime NS-Archiv. Das zog ein. Verhöre wurden geführt. Auf den Straßenkarten war dort nur ein weißer Fleck, ein „Sperrgebiet“. Als könnte man die Villa Heike dadurch nicht mehr sehen mit ihren gewaltigen Fenstern.

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Bis zur Wende. Danach stand das Gebäude leer. Am Arsch der Welt, wenn man mal ehrlich ist. In den 18 Jahren, in denen ich in Berlin lebe, war ich nie auch nur in der Nähe. Nicht mal zufällig. Doch als ich die Geschichte von Villa Heike hörte, bin ich hingefahren. Eine Kunstausstellung ist da jetzt, ja, keine Ahnung. Die Kunst hat nicht wirklich eine Chance gegen Heikes Geschichte, die durch die Räume pfeift wie The Wind of Change.

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Das war Absicht, die sind ja nicht doof. In der Ausstellung geht es um den Einfluss von Geschichte auf bestimmte Orte und die Art und Weise, wie Geschichte erzählt wird. Es geht um Erinnerungskultur. Was wird erzählt? Was ist es wert, erzählt zu werden? Neben der Skulptur aus mehreren hundert Schlüsseln einer ehemaligen NVA- und Volkspolizei-Kaserne in Brandenburg fand ich schließlich meine Lieblingsgeschichte, die kein Kunstwerkt ist, sondern eine nicht renovierte Tür.

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Im Laufe des Lebens der Villa Heike musste es jemanden gegeben haben, der einen Alf-Sticker an die Tür geklebt hatte. Alf, ausgerechnet. Alf, den Anarchisten. Alf, den Außerirdischen. Alf, der Katzen zum Fressen gern hat. Katzenfleisch. Womit sich der Kreis zu den Maschinen wieder schließt.

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