Montagsmuseum #16 (22.04.2019)

„Christus in der Vorhölle“, um 1570, Michael Ribestein zugeschrieben. Kunstsammlung St. Marien.

Kirchenkunst ist häufig morbide. Es ist faszinierend: Statistisch überwiegen die Hölledarstellungen die Himmelsdarstellungen. Haushoch. Warum das gar nicht so verwunderlich ist, liegt an den Ursprüngen der Kirchenkunst. Als die meisten Menschen nicht lesen konnten und die Gottesdienste auf Latein gehalten wurden, was -zur Hölle, haha – haben die Leuten während des Betens gemacht? Sie haben Bilder angeschaut. Die Geschichten wurden nicht geschrieben, sondern abgebildet. So konnte man sich ihre Botschaft gut einprägen. Je markanter, desto besser.

Um Bilder lesen zu können, muss man die Bildsprache beherrschen. So sind im oberen Bildbeispiel die Dämonen der Hölle schwarz. Rassismus ist gelernt. Komplizierter wird es bei den Evangelisten: Markus, Matthäus, Lukas und Johannes werden verkörpert durch Löwe, Engel/Mensch, Stier und Adler. Muss man wissen. Am besten ist Jesus zu erkennen: entweder Heiligenschein oder Wunden in Handflächen und unterem Rippenbogen – Spuren der Nägel am Kreuz und dem Lanzenstich, mit dem getestet wurde, ob er tot ist.

Kirchenkunst ist die Wiege vom heutigen Storytelling. Man weiß, dass eine Geschichte einen Konflikt braucht, um eine Geschichte zu sein. Ein Mensch im Himmel ist per Definition ein Mensch ohne Konflikte. Das ist das Lebensziel der Christen. Konfliktlosigkeit. Happy end of story. Die Hölle hingegen ist Konflikt pur. Strafe für begangene Sünden. Schlimme kreative Strafen. Monster. Gruselig. Feuerrot.

Die Marienkirche ist, touristisch gesehen, ein armes Hascherl. Sie liegt zwischen dem Roten Rathaus, dem Fersehturm und dem spektakulär schönem Neptunbrunnen. Kaum jemand kennt ihren Namen. Dabei wäre sie an jedem anderen Ort Deutschlands ein echter Hingucker. Sie stammt aus dem 13. Jhd, hat einen Totentanz, ein Jüngstes Gericht und eine Höllenfahrt Jesus.

Die Höllenfahrt Jesu ist auch ein armes Hascherl. Sie liegt zeitlich zwischen Auferstehung und Himmelfahrt. Zwei echten Stars unter den Bibelgeschichten. Die Höllenfahrt erzählt, was Jesus nach Verlassen des Grabes getrieben hat. Nämlich in die Hölle hinabgesteigen und -Trommelwirbel – Adam und Eva befreien. Und ein paar Andere. Allen, denen ich das erzähle sagen: Die waren aber lange in der Hölle! Ja. Finger weg vom Baum der Erkenntnis dessen, was Gut und was Böse ist.

Andererseits fällt in diesen Zusammenhang auch die Bibelstelle, die wohl so häufig wie keine andere in Hollywood-Filmen (ich habe sie vor allen in Western gehört) zitiert wird: „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“ Ich kann mich irren, aber bedeutet sie nicht soviel wie: Am Ende gewinnt doch das Gute? Womit wir wieder beim Happy End wären. Fast Happy End. Ein Dürer geht immer noch. Bei ihm sieht Jesus‘ Höllenfahrt übrigens so aus (Jesus ist der mit der Wunde in der Hand)….

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