Montagsmuseum #18 (06.05.2019)

„Tanzen ist, wenn sich ein Körperteil bewegt, während der restliche Körper still hält.“ Das war die wichtigste Lektion meiner Ballettlehrerin. Am Montag hatte ich die erste Stunde. Was in der Theorie ganz einfach klingt, bedeutet in der Praxis leider, dass der ruhige Teil des Körpers knüppelhart angespannt werden muss. Erkenntnis nach den ersten 90 Minuten: Die sich bewegenden Körperteile sind noch das einfachere am Tanzen.

Erschöpft guck ich mir zum Ausgleich ein paar Tanzvideos an. Anderen dabei zuschauen ist auch schön. Strecke und beuge die Zehen, denke: Geschmeidig bleiben. Die allercoolste von allen ist immer noch Sasha Walz. Im Bonusmaterial erfahre ich, dass die Choreografie „Körper“, die ich mir soeben angeschaut hatte, im Jüdischen Museum in Berlin aufgeführt wurde.

„Mit dem Gebäude“, habe sie gearbeitet. Die Körper sollten auf das Gebäude reagieren. Starke Reaktionen habe sie auch bei sich selber gespürt, wegen der Geschichte. Nicht nur der persönlichen, sondern auch der kollektiven Vergangenheit. Jüdisch oder nicht.

Ich hatte das Jüdische Museum fotografiert, bevor ich Walz das habe sagen hören. Erinnerte mich daran, dass ich auch eine heftige Reaktion gespürt hatte und zwar, als ich am Eingang durch einen Metall-Detektor gehen musste. Wie im Gefängnis, hatte ich gedacht und das ich verbotene Dinge in meiner Tasche habe. Das ist kein Metall-Detektor, sondern ein Naziscanner. Ich bin dann nicht reingegangen, weil die Außenarchitektur ja auch sehr interessant ist. Heftige Reaktion.

Doch Wochen später mit dem knüppelharten Muskelkater in meinem ganzen Körper fällt mir eine andere Geschichte ein. Ich war in Prag und meldete mich für eine Stadtführung „Architektur des Sozialismus“ an. Ich war die einzige Interessentin, die am Treffpunkt rumstand und ich ging schon davon aus, dass die Führung ausfiel, da tauchte doch noch eine junge Stadtführerin auf. Gut, dachte ich, eine dreistündige Exklusivführung für mich, wie nett. Wirtschaftlich ist das nicht. Erst nach einer Weile erklärte sie mir, dass sie leider keine drei Stunden Zeit hat, da sie nach zwei Stunden eine andere Führung hat. „Die Jüdische Altstadt“. Selbstverständlich dürfe ich meine dritte Stunde mit dazu kommen. Und ich so: „Nein danke, zwei Stunden sind völlig ausreichend.“ Ein Reflex war das. Sie verstand es nicht und ich auch nicht. Dachte: Soll sie mich doch übers Ohr hauen, egal.

Sie versuchte mich zu überreden, doch je mehr sie es versuchte (und je öfter wir auf unserer Stadtführung über „this guy“, wie sie ihn nannte, stolperten, also was für Auswirkungen Hitler auf den Sozialismus hatte) desto strikter sträubte ich mich. Sagte irgendwann: „I don’t want to be the only German on this tour.“ Das akzeptierte sie dann.

Das ist genauso, wie nicht in ein Museum zu gehen, weil einen der Metall-Detektor davor nervt. Totaler Quatsch. Da ist etwas in mir dass sich ganz fest macht. Das wusste ich nicht. Knüppelhart ist es. Wird Zeit, es zu bewegen. Geschmeidig zu bleiben. Ich werde dran denken, Sasha Walz.

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