Montagmuseum #22 (03.06.2019)

Am sonnengeküssten Sonntag mit 30 Grad ist in Berlin der zu empfehlende Ort der Botanische Garten. Es gibt dort eine wirklich reizend kuratierte Ausstellung.

In „Gebliebt, Gegossen, Vergessen“ geht es nicht nur um die Herkunft und Verbreitung der beliebtesten Zimmerpflanzen. Es geht auch, und jetzt wird es für den Storyteller interessant, um die verschiedenen Persönlichkeiten von Pflanzen.

Und da waren sie plötzlich wieder. Die Rückkehr meiner imaginären Frende Rubina, Jonah und Set. Drei Personen aus meinem ersten Roman, den ich 2001 begonnen, nach einer nächtlichen, einstündigen Wanderung vom Potsdamer Platz bis zum Prenzlauer Berg, als der Nachtbus ausgefallen war. Hatten sich in meinen Kopf eingenistet. Sie waren damals natürlich nicht die ausgefeilten Persönlichkeiten, die sie fünf Jahre später waren, als ich den Roman unveröffentlich auf Mallorca zu Grabe getragen habe. Dreimal komplett überarbeitet, aber wo kein Bogen ist, kann man keinen spannen. Hartes Lehrgeld. Die Figuren waren nicht schuld. Ich hatte mich einfach zu spät um das Technische gekümmert. Wie lange hatte ich nicht an sie gedacht? An Rubina bestimmt 12 Jahre.

Schwierige, empfindliche Rubina Saphira Perla Lilienstein. Eine Ballerina mit rosenberankter Villa, in der sie einsam ihre Pirouetten dreht und auf den Prinzen wartet. Er taucht dann auch auf, heißt Set, kommt vom Dorf, ist der neue Solist für den Orpheus und schwul. Sie werden Freunde und Rubina zeigt ihm ihren Lieblingsort, den Botanischen Garten (Wir hatten zu dritt auf der Bank gesessen und Set hatte hier zum ersten Mal erwähnt, dass er eher Jungs mag. Rubina hat fast geheult). Die Sumpflandschaft mochte sie damals am liebsten, da sie beide eine gewisse melancholische Schwermut teilen. Diese Supflandschaft ist mittlerweile erneuert worden. Irgendwas sagt mit, dass die geheimnisvolle Patin eine R.S.P. Lilienstein ist.

Antagonist und heimliche Hauptfigur der Gesichte war Jonah. Der dann auftauchende und erste echte Freund von Set, der sich zwischen diesen und Rubina drängte. Der nackte Stripper, wilde Überlebensexperte und hochexplosive Rechthaber. Mit einem imaginären Jonah im Kopf durch ein Museum zu laufen, macht einen zur giggelnden Irren, die wieder 16 ist. (Die Engländer und ihre Namen, Alter.)

Es war so schön, die drei wieder zu sehen, zu spüren, dass sie noch irgendwo leben – auch wenn Set in der Geschichte gestorben ist. Mich mit Rubina zu versöhnen, da ich sie mit der Erzählperspektive damals überfordert habe, tat gut. Jonah hätte die Geschichte getragen, aber aus irgendeinem unsicheren, unerfahrenen Grund dachte ich, dass ich als Frau keinen Mann schreiben darf. Dumm von mir, sorry. Rubina hat milde gelächelt und mir ihre kalte, zarte Hand gereicht. „Ich schreibe jetzt selber Gedichte“, hauchte sie und hinter meinem Rücken habe ich Jonah schreiend vor Lachend zusammen brechen hören. Ich hab sie beide lieb.

„Sackgasse, steht da, Alter. Sackgasse.“ – „Komm jetzt, Jonah, die Geschichte ist vorbei.“

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