Montagsmuseum #23 (10.06.2019)

Die „Gedenkstätte Berliner Mauer“ werde ich kein Museum nennen, da dann die Mauer ein Kunstwerk wäre. Das knirscht, merkste? Aber weil gestern das Wetter zu schön für „was drinnen“ war und ich außerdem noch nie bei diesen Teil der Mauer besichtigt habe, der, laut Programmheft der einzige Ort ist, „an dem die Tiefenstaffelung des Grenzsperrsystems noch erfahrbar ist“, erweitere ich die Spielregeln.

Die „Tiefenstaffelung des Grenzsperrsystems“ klingt wie ein Roman von Michel Houellebecq. Es ist eine technische Beschreibung, die sich hervorragend als poetische Metapher anbietet.

Was mir seit meiner Rückkehr aus Spanien verstärkt auffällt (ich hatte aus mehreren Zufälle etwa ein Jahr lang auf den kanarischen Inseln gelebt) ist der grundgeSTRESSTE Zustand, der in Berlin herrscht. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie schrecklich eigentlich alles ist. Das Leben. Das Denken. Krebs, Trump, Insektensterben. Die ersten Monate hatte ich regelrecht Platzangstgefühle. Alles ist zu eng, wenn man mal am Meer gewohnt hat.

Und dann wurde ich eine Yogurette. Der simple Trick von Yoga ist, sich im Moment zu befinden. Als Kind war ich noch im Moment. Irgendwann, vermutlich so mit Mitte Zwanzig, hab ich das verlassen, als hätte mich jemand an ein großes Pendel gebunden, dass ständig zwischen Zukunft und Vergangenheit hin- und herschwenkt.

Ich bin noch nicht besonders erfolgreich mit meinen „Momenten“, sie sind noch kurz, bis das Pendel mich wieder mitreißt und ich darüber nachdenke, was ich letzten Freitag um 14:30 Uhr hätte besser machen können, als ich mit einem Filmproduzenten gesprochen hatte, der keinerlei Interesse an meinem Kinderbuchstoff hatte oder was in drei Monaten alles schiefgehen kann, wenn ich mit meiner Schwester eine Alpenwanderung mache. Es könnte regnen. Oh mein Gott.

Es gibt einen Bereich auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße, den lassen sie absichtlich verwildern. (Die Biene wollte unbedingt mit aufs Bild).

Dort lagern Mauerteile und ich dachte, ich seh nicht recht, als ich auf der Handfläche einen schwarzen Punkt entdeckte. Es ist ein Bohrloch. Plus die Flügel? Jep. Auf den Mauerteilen, die ehemals auf einem Sammelgrab standen, ist ein Graffiti-Jesus.

Da wächst einfach ein Baum durch die Mauer und wird sie in vielleicht zehn Jahren sprengen. Natur macht das. Wächst einfach weiter. Dieser Baum ist mein Moment. Die Mauer meine Vergangenheit.

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