Montagsmuseum #24 (17.06.2019)

In meinem nächsten Leben mach ich Streetart. Das hab ich beschlossen, als ich Freitag durch Neukölln geradelt bin und drei Sachen erledigen musste. Die Büchereibücher waren überfällig. Ich musste einkaufen für Sonntag, da kamen 15 Leute zum Grillen. Außedem sollte ich endlich meine Verträge kopieren, weil mich die Versicherung schon zweimal angeschrieben hat. Aber dann kam ich an einer Ausstellungseröffnung vorbei. Beziehungsweise: Ich sah vor einer Behördentür eine Menschengruppen rumlungern, die alle eine Blume in der Hand hatten, daran hab ich das erkannt, entwickelt man ein Auge für mit der Zeit. Ich hielt an und ging rein.


Es war laut und alles voll mit Kindern. Kinder, die Kunst machen. Kunst von Kindern, die ihre Freizeit in Workshops verbringen und dann ihre Ergebnisse präsentieren in einer lauten, wuseligen Vernissage. Die Stimmung war umwerfend, man sah den Werken an, wieviel Spaß es ihnen gemacht haben muss. Ich wollte mich am liebsten in eine Ecke hocken und mitbasteln. Zum Beispiel an der großen Stadt aus Müll.

Mein Lieblingsfach in der Schule war der Kunstunterricht. Weil man da schräg sein sollte. Mutig, nannte das meine Lehrerin. Künstler müssen mutig sein, weil sie sich auf unsicherem Terrain bewegen. Das Beste sind Fehler, weil man sie ausbessern kann und dadurch etwas völlig neues entsteht. Oder etwas, dass überraschend ist.

Weil man sich nicht für eine Farbe entscheiden kann. Oder weil Kontraste das Werk erst so richtig spannend machen. Oder weil hässliches auch sehr hübsch sein kann. Jaja

Auffallend anders im Vergleich zu einer Vernissage mit Kunst von Erwachsenen war, dass es durchgängig positive „Vibes“ gab. Ich mein, wir reden hier von Neukölln und Karl-Marx-Straße, dem „ärmsten“Kiez Deutschlands.Zum Beispiel die Werke des Workshop für Mädchen zum Thema Streetart. Wie „Ghetto“ ist den bitte ein schwarzes Einhorn?

Oder anders gefragt: Ist Streetart überhaupt „Ghetto“? Ist es nicht ein großes Umarmen seiner Umwelt? Ein Sich-Die-Welt-Zu-Eigen-Machen? Im Kunstpädagogen-Sprech klingt das so:

Vielleicht sind die Kinder hier alle so gut drauf, dachte ich, weil man sich durch Kunst die Welt zu eigen macht. „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mit gefällt.“ Pippi Langstrumpfs Motte als Schlachtruf einer Künstlergeneration? Ich hab mit einem der jungen Künstler diskutiert. Er fiel mir auf, weil er selber wie ein Teil der Ausstellung wirkte.

„Es ist zu laut“. Er meinte den Film, den er sich ansah.

„Kunst muss laut sein“, sagte ich und wickelte ihn in Klopapier ein.

„Aber es ist zu laut.“

Ich setzte ihm eine umgedrehten Schultüte. auf den Kopf. „Du bist ein Magier. Nutze deine Kraft, um deine Welt zu gestalten.“

Ich sah in seinen Augen, wie es in seinem Kopf ratterte. Er begriff, was passierte und lief davon. Nachdem ich diesen Auftrag erledigt hatte, ging ich ganz entspannt einkaufen und brachte meine Bücher in die Bücherei. Nur die Verträge hab ich nicht kopiert, da ich beschlossen habe: Das hat noch Zeit.

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