Montagsmuseum #28 (17.07.2019)

Kunstbibliothek: Henning Wagenbreth „Transitzonen“

Die schönste Geschichte, die ich diese Woche gehört habe war die von Jack, einem autistischem Jungen, der in New York seinen High School Abschluss gemacht hat.

Der Schuldirektor bat bei der der zeremionellen Zeugnisvergabe die Mitschüler, bei Jack nicht zu klatschen. Nicht zu jubeln. Einfach stimm zu sein oder golf clapping zu machen. Damit meinte er lautloses Klatschen. Jack sei so geräuschempfindlich, dass Lärm bei ihm zu einer Reizüberflutung führen kann. Kein klatschen. Kein jubeln. Still sein.

Jack kommt in einer Robe und mit Hütchen auf die Bühne. Er hält sich die Ohren zu. Der Schuldirektor bietet ihm zur Begrüßung einen fistbump an. Jack nimmt die Finger aus den Ohren und fistbumped mit ihm. Dann nimmt er das Zeugnis entgegen. Er geht ab, durch die Menge der Schüler hindurch. Einige lächeln ihn an, andere schauen zu ihren Nachbarn um zu gucken, wie sie das finden sollen. Manchen laufen die Tränen übers Gesicht. Alle bleiben still.

Eine große Menschenmenge zu bitten, Rücksicht auf einen Einzelnen zu nehmen ist wie Rücksicht auf Minderheiten zu nehmen. Wieso denn, was hat die Mehrheit denn davon? Es gibt in jeder Gruppe ein oder zwei Spaßmacher, die den Moment nutzen, Aufmerksamkeit zu bekommen. Der oder die Eine, die in dem Moment gejubelt hätte, die in diesem Moment etwas Beleidigendes gerufen hätte oder der ein lautes Furzgeräusch gemacht hätte, wäre danach schulbekannt.

Dass niemand diese Bühne genutzt hat, ist rührend.

Im Schauspiel gibt es die Regel: Das Volk macht den König. Bedeutet: Einer allein kann keinen König spielen. Er braucht einen Gegenspieler, der ihn so behandelt, als wäre er ein König. Für das Publikum ist dadurch klar, dass der König einen höheren Status hat. Der König bleibt in Erinnerung. Dabei hat die Arbeit der andere gemacht. Der, an den man sich nicht erinnert.

Jeder einzelne Schüler, der sich nicht wichtig gemacht hat in diesem Moment, hat Jack wichtig gemacht. Das ist nett. Das fühlt sich gut an. Das ist eine schöne Geschichte.

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