Montagsmuseum #35 (09.09.2019)

Letztes Wochenende war ich in Hamburg. Nicht im Museum, sondern auf einem Autorenworkshop. Ich hatte mich in meinem eigenen Roman verrannt, eine Großbaustelle war das in den letzten Jahren geworden, auf der ich den Überblick verloren habe.

Bekanntes Problem. Gute Idee also, sich mit ein paar anderen Großbaustellenbesitzern an einen Tisch zu setzen und sich gegenseitig zu helfen. Psychotherapie für den inneren Schreiberling.

Damit der innere Schreiberling wach wird, beginnt man solche Tage am besten mit einem Spiel, bei dem es kein richtig oder falsch gibt. Im Prinzpip Yoga fürs Hirn.

Unsere Dozentin legte ein paar Postkarten auf den Tisch, jeder griff sich eine und dann hatten wir 20 Minuten Zeit, dazu einen Text zu schreiben.

Ich kann mich weder an den Maler noch den Titel des Bildes erinnern, dass ich gegriffen haben. Nur noch, dass es in Prag hängt.

Imaginäre Freunde

Es fing an mit einem Hund, der mit folgte. Er hieß Bijoux und war ein Bobtail. Er lag neben meinem Stuhl, wenn wir aßen, er lief hinter mir her zur Kirche, er raschelte in den Büschen, wenn ein Wind aufkam.

Später kam eine Katze dazu. Weiße Flecken in schwarzem Fell. Die war immer irgendwo oben. Auf dem Schrank. Im Baum. Spazierte über einen Dachfirst.

Wo sie herkamen, weiß ich nicht, aber wo Kasparovic herkam, kann ich genau sagen. Ich fand ihn in der Ablage der Kirchenbank vor mir, direkt neben dem Gesangbuch. Für eine Schildkröte ist er sehr flach, wie Sie sehen.

Man kann ihn gut an sich drücken. Er hält still. Meistens hat er den Kopf eingezogen in seinem dunkelgrünen Panzer, aber wenn mir langweilig ist, dann flüstere ich: „Kasparovic, komm raus.“

Er brummt, dass sein Panzer wackelt und grollt: „Wie heißt das Wort?“

„Bitte, Kasparovic.“

Dann schaut er raus, wendet den Kopf hin und her, guckt, wo wir gerade sind. Meistens sind wir in der Kirche, während der Predigt, wenn ich einschlafen könnte, so langweilig ist es. Er sagt dann: „Interessant, sehr interessant.“

„Nein“, widerspreche ist. „Es ist langweilig.“

Dann erzählt er mir lustige Geschichten aus einem Land mit Feenwesen und Trollen. Da gibt es Drachen. Die Geschichten finde ich viel spannender als die Predigt.

Seit Kasparovic bei mir ist, habe ich Bijoux den Bobtail nicht mehr gesehen und die Katze spaziert nirgends mehr herum.

Übrigens, nachts schiebe ich ihn einfach unter das Bett. Da frisst er dann meine Träume auf, die durch die Matratze hindurch zu ihm runterfallen. Davon lebt er. Er ist daher sehr günstig in der Haltung.

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