Montagsmuseum #40 (24.10.2019)

Heute ist Donnerstag. Am Montag hatte ich keine Lust, einen Text zu schreiben. Letzte Woche auch schon nicht. Wozu denn. Liest doch eh keiner. Außerdem ist Herbst, oll, Verwesung, Tod. #düsterkaltschwarzundnassderWald.

Doch am Mittwoch schrieb dann eine Freundin.

Es gab eine „Inbal Lori Night“. Inbal Lori ist eine der besten Improspielerinnen, die ich kenne, weil sie unverkrampft ehrlich zu sich selber ist. Sie hatte sich einen Musiker als Gast eingeladen. Dieser improvisiert seine Stücke. Inbal hat also mit seiner Musik als „Mitspieler“ improvisiert – und auch mit seinem Klavier, dass sie über die Bühne rollte. Natürlich während er weiterspielte. Es wurde zu einer Szene über das Gefühl, Berge zu verschieben.

Die Vorgaben aus dem Publikum, aus denen die einstündige Geschichte entstanden ist, waren „jagen, träumen und sich winden“. Die Musik begann und spielte Melodien, die sich jagten, die ein wenig an Träume erinnerten und dazwischen „wand“ sich auch was. Die Atmosphäre im Theater erinnerte an eine Ouvertüre: Großes würde passieren.

Alles Große fängt klein an, daher begann die erste Szene mit einer Frau beim Masseur, deren Verspannung gerade gelöst worden war. Verspannungen, die so alt waren, dass sie nicht mehr wusste, dass sie sie hatte. „Als sei eine Tür aufgegangen“. Das ist nicht mehr Medizin, das ist Kunst.

Durch diese wundersame Massage ändert die Frau ihr Leben, denkt über Ernährung nach und gibt ihr ganze Geld für „Selbstfindungsworkshops“ aus – zum Entsetzen ihrer Eltern, die sich fragen, ob sie einem Kult beigetreten ist. In einer flammenden Rede verteidigte sie ihren Wunsch nach „Befreiung“. Eine Investition in sich selber. Das Leben besteht aus mehr als einer Schicht. Sie wurde zum Jäger. Gerade, als sie ihren, in einer Bar aufgerissenen, One-Night-Stand aus der Tür hinausschob kündigte sie an, beim nächsten Mal fünf haben zu wollen. Die Welt ist nicht genug.

Und dann kippte das alles. Die Bühne betrat plötzlich ein Wesen, das sich als die Depression vorstellte. Die immer da ist. Immer wartet. Egal wie großartig du dich grade noch gefühlt hast. Die schlägt zu. Die findet alles doof. Die hat keine Lust. Die kann ein paar Stunden dauern, eine Woche oder fünf Jahre. Wie sie grade drauf ist.

Ich hab mich da im Zuschauerraum, mit meinen zwei geschwänzten Montagsmuseumstexten, ertappt gefühlt. Schnell noch ein Glas Rotwein getrunken. Ja. Manchmal hat man keine Lust, das zu machen, was einem sonst Spaß macht. Manchmal macht nichts Spaß. Spaß ist nicht alles.

Auf dem Heimweg fühlte ich tiefe Dankbarkeit, dass Inbal Lori dem depressiven Gefühl, was mich und viele andere im Herbst befällt, eine Gestalt gegeben hat. Das darüber geredet wird. Dass es als Kunst auf der Bühne passiert.

Diese Postkarten hängen bei mir an der Wand. Sie stammen aus Wien und zeigen Ausschnitte aus dem „Beethovenfries“, einem großen Wandbild in der „Secession“, das sich schlecht fotografieren lässt. Ich hab einen Ausschnitt im Internet gefunden, auf dem man erahnen kann, dass die Wände voll mit fantastischen, mythologischen, ineinander übergehenden Bildern sind. Man kann davor problemlos eine Stunde verbringen.

Die dargestellten Frauen auf dem schwarzen Bild verkörpern: Krankheit, Wahnsinn und Tod. Die auf dem goldenen Bild sind: Wollust, Unkeuschheit und Unmäßigkeit.

Was diese Bilder mit der Show von Inbal Lori zu tun haben, ist das aufgeräumte Gefühl, dass ich nach dem Aufwachen hatte und mich doch noch einen Montagstext schreiben lässt. Denn ich habe eine Bitte: Pack das Gefühl, so unpopulär es auch sein mag, in ein Bild. Spiel es aus dir heraus in einem Theaterstück. Oder in einem Klavierstück. Schreib einen Text darüber. Es ist schließlich da und wird immer wieder kommen. Also behandele es mit Respekt und Ehrlichkeit. Ich will nicht von einer Teufelsaustreibung sprechen, das wäre übertrieben. Es ähnelt eher einem Saunagang.

Dieser Montagsmuseumstext kommt erst am Donnerstag, weil ich am Montag keine Lust hatte. Gebe ich hiermit zu.

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