Montagsmuseum #41 (04.11.2019)

Vier Künstler*innen werden gerade im Hamburger Bahnhof ausgestellt, die um den „Preis der Nationalgalerie“ konkurrieren. Die Besucher können sie nebeneinander betrachten und dürfen am Ende abstimmen, wer ihnen am besten gefällt. Das klingt erst einfach, hatte dann aber eine schräge Auswirkung auf mich. Es stresste mich. Aus Gründen.

Alle vier Kunstwerke sind Räume. Man betritt sie, wandelt hindurch, wie durch das vielbemühte Wunderland. Aber es geht nicht um Wunder. Kunstwerk eins war mit Linien und Robotern, Kunstwerk zwei war ein Wald mit einem Film über Lust im Alter und einem anderen über den Stolz von Männern auf ihre Babys. Kunstwerk drei roch nach verbranntem Kabel und hatte was mit Transferdruckverfahren und wild lebenden Tieren zu tun. Kunstwerk vier war ein Mash-Up aus sehr vielen Ausgaben des Buches „Fifty Shades of Grey“ und einer Wachsskulptur von Anne Frank.

Gut waren die alle, keine Frage. Aber was ist jetzt das Beste? Wo ich am Längsten hängengeblieben bin? Nun, das ist einfach. Bei dem mit dem Sex im Alter. Das war echt gut gemacht. Frauen im Gefängnis und ein sadistischer Wärter beobachtet sie. Das war nicht so verbissen, sondern witzig und hinterließ ein gutes Gefühl.

Ohne zuviel zu verraten, den alten Damen gelingt am Ende die Flucht aus dem Gefängnis und sie „bluten“ wieder. Als das Blut die alten Schenkel runterfloss, kicherten wir im Zuschauerraum – Menschenskind, die ollen Schachteln, dit sieht man och nich alle Tage.

Der „Wald“, durch den man nach diesem Film wandelte, war so naja. Theaterkulisse, dachte ich, aber das trifft es nicht. Mein Unbewusstes ist kein Wald, denke ich jetzt grade, am Schreibtisch, das hat mich irritiert. Alles so in Rot, wie ein Geburstskanal, durch den man gleitet, schon klar, am Ende eine ovale Öffnung, okayokay. Vagina *kicher*. Warum denn aber Wald?

Der Übergang ist ein „Peep-Hole“, durch den man den nächsten Film betrachten kann. Er hat die Form eines Auges. Das war dann wieder eine schöne Idee. Denn Augen sind auch oval, verstehste?

So. Wäre ich nun ein entspannter Museumsbesucher, würde ich für Pauline Curnier Jardin abstimmen. Aber ich bin ein gestresster Museumsbesucher, denn ich habe zuviele Kunstkritiken in meinem Leben gelesen. Das Kunstwerk, dass mit am besten gefallen hat, ist am einfachsten zu verreißen. Ich seh sie schon, mit ihren entgleisenden Mienen, mit spitzen Zungen zischen: „sexsells wie billig“. Der Wald ist schäbig. Die Metapher mit dem Blut am Schenkel ist so alt wie die griechischen Sagen. Ja. Das wird eine schnell hingerotzte Kritik, denn doof finden geht immer einfacher als gut finden.

Am Besten, ich stimm für das Kunstwerk mit den Linien und den Robotern ab, das hat mir gar nichts gesagt. Wenn mir das so geht, geht das sicher den Kritikern auch so und sie trauen sich nicht, sich die Blöße zu geben. Die Entscheidung fällt am 16.Februar 2020. Bis dahin kann ich ja noch überlegen.

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