Montagmuseum #42 (16.12.2019)

Bücher schreiben macht zeitlich begrenzt verrückt. An Orte, die es nicht gibt, erleben Menschen, die es nicht gibt Sachen, die nie passiert sind und das alles in meinem Kopf parallel zu meinem eigenen Leben. Aber Sonntag war endlich Abgabe. Ich habe das Buch zur Lektorin geschickt und fluchtartig meinen Schreibtisch verlassen. Für aktive Re-Dissoziation.

„Aktive Re-Dissoziation“ nennen ich den Prozess, bis ich mich wieder wie ICH fühle. Dazu wollte ich in das Medizinhistorische Museum der Charité gehen, bin dann aber aus Faulheit im Hamburger Bahnhof gelandet, egal. Dort ist zur Zeit ein Sound-Kunstwerk. Was es alles gibt.

Die ganze untere Halle war leer. Das war schon mal ziemlich überwältigend. Ich habe mich beim hin und her durchqueren wie eine Pina Bausch Tänzerin gefühlt. Mein Hirn eh noch ganz wund von dem vielen andere Menschen denken. Auflösen im Raum. Aus 36 (oder so) Lautsprechern drangen Klänge. Minimalistisches Blubbern, Klingen, Klopfen. Ideal um an nichts zu denken. Die Klänge wanderten mit mir durch den Raum. Ich denke an nichts. Ich muss nichts. Ich bin vollkommen in Ordnung.

Bis plötzlich andere Menschen im Raum waren. Die haben wahnsinnig dabei gestört.

Das ist wie wenn man einen Film anschauen möchte, sich gerade perfekt in den Sessel eingeschmiegt hat, so liegen bleiben könnte für – like ever. Der Film geht los und DANN: man sieht: eine Flasche, die auf dem Tisch steht. Sie ragt ganz leicht ins Bild. Sie stört. Man sieht vom Film noch alles, aber trotzdem. Sie stört. Man KÖNNTE sich aufrichten und die Flasche einen Zentimeter versschieben. Ja, klar.

Meine Freundin L. hat eine kleine Tochter, die seit einem Jahr in die KiTa geht. Nun haben ihr die Erzieherinnen im Feedbackgespräch gesagt, dass das Kind nicht mit den Erziehern redet. Sie sitzt bei ihnen auf dem Schoß, zeigt auf die Dinge, die sie möchte, aber antwortet nicht oder stellt nie Fragen. Sie redet einfach nicht. Seit einem Jahr.
„Hast du deine Tochter gefragt, warum sie nichts sagt?“
„Ja, aber da ist nicht viel bei rausgekommen.“
„Was glaubst du, warum sie das macht?“
„Ich glaube, sie hat sich da in etwas verrannt, aus dem sie nun nicht mehr rauskommt.“

Ich hab mir schon viele Filme verdorben, weil ich an zu viel anderen Scheiß gedacht habe. Mir fehlen ganze Anfänge. Weil ich zulange darüber nachgedacht habe, warum ich diese Flasche unmöglich verschieben kann. Anstelle davon, es einfach zu tun.

Und nun zum Abschluss noch ein Zitat, dass im Bröhan-Museum hängt, über das ich auch noch was schreiben wollte. Demnächst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s