Montagsmuseum #31 (05.08.2019)

Unser heutiges Thema ist: Heiraten und Dreiecke.

Während sich der Boulevard daran abarbeitet, dass Heidi Klum den einen der Kaulitz Zwillinge geheiratet hat, und unklar ist, ob der andere Zwilling sie dabei vermählt hat, womit offen wäre, ob das offiziell dann „gilt“ und außerdem Heidis Vater nicht dagewesen sein soll, was aber keiner so genau weiß. Weil. Das Ganze auf einem Boot war und weit weg.

Auf dem oberen Bild sehen wir ein Dreieck (verlängert man die Linie der Treppe, geht sie in das Weiß des Brautkleids über und fällt in den weißen Streifen des Jackett wieder ab) , womit das Ganze kunsthistorisch interessant wird. In der Kunst geht sehr viel um Dreiecke.

Das in den Jahren 1494 bis 1497 entstandene Abendmahl im Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand ist ist ein Höhepunkt im Schaffen Leonardos. Weitere Werke finden Sie in unserer Bilderstrecke. Foto: Wikipedia

Das zentrale Dreieck in der Mitte ist Jesus. Da sind sich alle einig. Es gibt die Dreiergruppen-Dreiecke der Jünger. Gut. Aber was hat es mit dem umgedrehten Dreieck links von Jesus auf sich. Dem dreieckigen Keil, unwissenschaftilch formuliert oder dem „Symbol für Weiblichkeit“, wissenschaftlich formuliert.

Ich habe diese Woche viel Zeit in meinem Gartenhaus verbracht, wo sich neben jede Menge Blumen auch meine ausgelagerte Büchersammlung befindet. Ich habe aus Jux an der Freude Dan Browns „Sakrileg“ mal wiedergelesen und war perplex, wieviel ich davon vergessen hatte.

Unter anderem spielt „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci eine große Rolle. Seht dieses Bild an. Sagt, wer die Person neben Jesus ist. Die, die seine Farben komplementär trägt. Die aussieht wie eine Frau. Ist es Maria Magdalena? (Huch? Die Hure?) Ist es gar Jesus‘ Ehefrau?

Wenn man diese Theorie, (die Dan Brown vermutlich aus dem Buch „Die Templer-Offenbarung von Lynn Pichnett und Clive Prince übernommen hat), googelt, sitzt man die nächste Stunde gebannt vorm Rechner. Ich. Ich-Botschaften. Ich hab grad meinen Vormittag damit verbracht, nach der Mega-Hochzeit Maria und Jesus zu suchen, statt einfach fünf Minuten Heidi und Dings zu gucken und dann endlich zu arbeiten. Auf der Seite des folgenden Links hat sich jemand die Mühe gemacht, Bilder vom letzten Abendmahl zusammen zu stellen, wo eindeutig eine Frau bei Jesus auf dem Schoß hockt.

https://www.panoptikum.net/maria-magdalena/

Gleich muss ich dann mal weitermachen, aber, wie ich glaube schon öfter an dieser Stelle gesagt habe: Ein Albrecht Dürer passt immer. Wie sich sein Dreieck vom Heiligenschein über das Tischbein in den Obstkorb verlängert? Kein Zufall.

Montagsmuseum #30 (29.07.2019)

Allesandersplatz. Seit einiger Zeit schon erfreut mich diese Umbennenung des Alexandersplatzes und endlich passte es vom Licht und der Uhrzeit, dass ich ein Foto machen konnte. Ich hab gegoogelt, was es eigentlich damit auf sich hat. Wer diese Buchstaben dort angebracht hat auf dieser Ruine, die seit Ewigkeiten leer steht. An einer der besten Ecken Berlins.

Es ist von der Initative „Haus der Statistik“. 2015 haben Künstler das Haus erobert, haben Bleiberecht bekommen und betreiben nun auf dem 50.000 qm großem Grundstück eine künstlerische Zwischennutzung. Unter dem Motto „statista“ gibt es ein Raumlabor, einen Chor, es wird ein Heiz- und Kühlsystem mit Bienen erforscht (mit „importierten“ Bienen, was immer das heißt) und das Oberschärfste ist ein alter Autoscooter im Innenhof.

Geplant ist eine große Präsentation im Rahmen der „Berlin Art Week“ vom 9.-15. September. Ich denke, ich werde hingehen.

Ca. 2026 ist dann vom Baustadtrat Mitte ein großer Bau mit Verwaltungen, sozialen Einrichtungen und Künstlerateliers geplant.

Ich finde das eine hinreißend schöne Geschichte. Eine gute Geschichte an einem der zentralsten Orte dieser Stadt, wo direkt gegenüber das riesige Shoppingcenter „Alexa“ steht. Da geht es um Kommerz, mal vereinfacht ausgedrückt.

Dieser Kopf mit der rausgestreckten Zunge befindet sich an der Burg Hanstein und ist ein sogenannter Neidstein. Gegenüber ist nämlich eine andere Burg, deren Namen ich vergessen habe. Was ich nicht vergessen habe ist, dass dieser Kopf der anderen Burg die Zunge rausstreckt. Weil die da drüber nämlich doof sind.

Könnte man sagen, dass der Schriftzug: Allesandersplatz ein moderner Neidkopf ist? Mach ich hiermit.

Montagsmuseum #29 (22.07.2019)

Letzte Woche war das 25jährige Jubiläum der ersten Mondlandung. Ein Reporter erinnerte sich, wie er sich fühlte, als er das erste Foto der Erde vom All aus sah. Ihm sei klar geworden, wie verletzlich die Erde ist. Ganz allein, nur mit einer dünnen Schutzschicht umrandet. Im schwarzen Raum schwebend.

Das ist der Fußboden in einem Atelier der Universität der Künste in Berlin. Es war Tag des Rundgangs, mein Freund J. überredete mich, hinzugehen. Man kann sich die Arbeiten der Kunststudenten ansehen. Sie sind selber auch da und es gibt ganz viel zu essen und zu trinken.

Früher, also genauer gesagt in der 13ten Klasse hatte ich auch mal überlegt, Kunst zu studieren. Es schien mir aber zu schwer, einen Studienplatz zu bekommen. Ich war ganz gut, aber nie die Beste in meiner Klasse. Kunst war so weit weg von mir, ein fremder Planet. Kunst schwebte irgendwo da oben.

Meinem Freund J. fiel auf, dass viel geknutscht wurde auf der Party. Kunststudenten sind glückliche Menschen. Sie beschäftigen sich mit albernen Dingen.

Das kam ganz gut an.

Ich fühlte mich, als sei es okay, auf dem Mond zu sein und auf die Erde herab zu blicken. Als sei es das, worum es in der Kunst geht. Wo man sich hinter großen Nasen versteckt und knutscht, wenn einem danach ist.

Montagsmuseum #28 (17.07.2019)

Kunstbibliothek: Henning Wagenbreth „Transitzonen“

Die schönste Geschichte, die ich diese Woche gehört habe war die von Jack, einem autistischem Jungen, der in New York seinen High School Abschluss gemacht hat.

Der Schuldirektor bat bei der der zeremionellen Zeugnisvergabe die Mitschüler, bei Jack nicht zu klatschen. Nicht zu jubeln. Einfach stimm zu sein oder golf clapping zu machen. Damit meinte er lautloses Klatschen. Jack sei so geräuschempfindlich, dass Lärm bei ihm zu einer Reizüberflutung führen kann. Kein klatschen. Kein jubeln. Still sein.

Jack kommt in einer Robe und mit Hütchen auf die Bühne. Er hält sich die Ohren zu. Der Schuldirektor bietet ihm zur Begrüßung einen fistbump an. Jack nimmt die Finger aus den Ohren und fistbumped mit ihm. Dann nimmt er das Zeugnis entgegen. Er geht ab, durch die Menge der Schüler hindurch. Einige lächeln ihn an, andere schauen zu ihren Nachbarn um zu gucken, wie sie das finden sollen. Manchen laufen die Tränen übers Gesicht. Alle bleiben still.

Eine große Menschenmenge zu bitten, Rücksicht auf einen Einzelnen zu nehmen ist wie Rücksicht auf Minderheiten zu nehmen. Wieso denn, was hat die Mehrheit denn davon? Es gibt in jeder Gruppe ein oder zwei Spaßmacher, die den Moment nutzen, Aufmerksamkeit zu bekommen. Der oder die Eine, die in dem Moment gejubelt hätte, die in diesem Moment etwas Beleidigendes gerufen hätte oder der ein lautes Furzgeräusch gemacht hätte, wäre danach schulbekannt.

Dass niemand diese Bühne genutzt hat, ist rührend.

Im Schauspiel gibt es die Regel: Das Volk macht den König. Bedeutet: Einer allein kann keinen König spielen. Er braucht einen Gegenspieler, der ihn so behandelt, als wäre er ein König. Für das Publikum ist dadurch klar, dass der König einen höheren Status hat. Der König bleibt in Erinnerung. Dabei hat die Arbeit der andere gemacht. Der, an den man sich nicht erinnert.

Jeder einzelne Schüler, der sich nicht wichtig gemacht hat in diesem Moment, hat Jack wichtig gemacht. Das ist nett. Das fühlt sich gut an. Das ist eine schöne Geschichte.

Montagsmuseum #27 (08.07.2019)

Mode ist eine meiner Lieblingskünste. Man kann sie einfach überwerfen. Wird Teil von etwas, dass sich, ach, in Worte so schlecht fassen lässt. Wer es ernst nimmt, kann sich mit Mode den Körper formen, den er möchte.

Man kann sich dicker polstern, enger schnüren, grösser heben oder ganz verschleiern. Kleidung umgibt uns, wie eine Burg. Wir betrachten sie durch unsere Schiesscharten.

Kleidung begleitet uns ein ganzes Leben lang. Jeden Tag. Sie beeinflusst uns, ob wir wollen oder nicht, weil sie beeinflusst, wie wir meinen, gesehen zu werden. Darauf brachte mich neulich ein Gespräch. Eine Freundin datet gerade, wie man es nennt, wenn online Verabredungen getroffen werden, die dann offline stattfinden. Wenn man sich nicht als Foto begegnet, sondern als Fleisch-Wasser-Blutwesen. Wenn man nicht den Filter drüber legt, sondern das Make-Up. Apropos, die zwei Bilder bring ich auch noch schnell unter.

Zurück zu meiner Freundin. Sie erzählte, dass sie neulich einen gebürtigen Berliner getroffen hätte. Wie sie auch eine ist. „Das war so angenehm, nicht alles von vorn erzählen zu müssen.“

Ich, die nicht in Berlin geboren wurde, fragte, was sie denn meint und sie erzählte es seufzen von vorn: das sie so arm waren, dass sie die Klamotten gekriegt haben, die auf dem Flohmarkt keiner haben wollte. Jemand ist mit einer Kiste rumgegangen und hat für sie das Zeug eingesammelt, dass sonst weggeschmissen worden wäre. Als Kind fand sie das schlimm, doch dann hat es einen Sommer gegeben. Der, indem sie dreizehn wurde. In dem Sommer hat sie gemerkt, dass es total egal ist, was man trägt. Das es den Berlinern egal ist, was jemand trägt.

Das ist die Haltung, die mir, als ich neu in Berlin war, so gut gefiel, erinnerte ich mich da.

Man kann sich darauf in Berlin so sehr verlassen, dass man nachlässig wird. Ab und zu muss man ja auch mal wieder in eine andere Stadt. Ich spiegelte mich in Köln im Schaufenster eines Supermarkts und dachte: Du siehst aus wie ein Penner.

Ich bin dann ganz schnell zurück nach Berlin.

Montagsmuseum #24 (17.06.2019)

In meinem nächsten Leben mach ich Streetart. Das hab ich beschlossen, als ich Freitag durch Neukölln geradelt bin und drei Sachen erledigen musste. Die Büchereibücher waren überfällig. Ich musste einkaufen für Sonntag, da kamen 15 Leute zum Grillen. Außedem sollte ich endlich meine Verträge kopieren, weil mich die Versicherung schon zweimal angeschrieben hat. Aber dann kam ich an einer Ausstellungseröffnung vorbei. Beziehungsweise: Ich sah vor einer Behördentür eine Menschengruppen rumlungern, die alle eine Blume in der Hand hatten, daran hab ich das erkannt, entwickelt man ein Auge für mit der Zeit. Ich hielt an und ging rein.


Es war laut und alles voll mit Kindern. Kinder, die Kunst machen. Kunst von Kindern, die ihre Freizeit in Workshops verbringen und dann ihre Ergebnisse präsentieren in einer lauten, wuseligen Vernissage. Die Stimmung war umwerfend, man sah den Werken an, wieviel Spaß es ihnen gemacht haben muss. Ich wollte mich am liebsten in eine Ecke hocken und mitbasteln. Zum Beispiel an der großen Stadt aus Müll.

Mein Lieblingsfach in der Schule war der Kunstunterricht. Weil man da schräg sein sollte. Mutig, nannte das meine Lehrerin. Künstler müssen mutig sein, weil sie sich auf unsicherem Terrain bewegen. Das Beste sind Fehler, weil man sie ausbessern kann und dadurch etwas völlig neues entsteht. Oder etwas, dass überraschend ist.

Weil man sich nicht für eine Farbe entscheiden kann. Oder weil Kontraste das Werk erst so richtig spannend machen. Oder weil hässliches auch sehr hübsch sein kann. Jaja

Auffallend anders im Vergleich zu einer Vernissage mit Kunst von Erwachsenen war, dass es durchgängig positive „Vibes“ gab. Ich mein, wir reden hier von Neukölln und Karl-Marx-Straße, dem „ärmsten“Kiez Deutschlands.Zum Beispiel die Werke des Workshop für Mädchen zum Thema Streetart. Wie „Ghetto“ ist den bitte ein schwarzes Einhorn?

Oder anders gefragt: Ist Streetart überhaupt „Ghetto“? Ist es nicht ein großes Umarmen seiner Umwelt? Ein Sich-Die-Welt-Zu-Eigen-Machen? Im Kunstpädagogen-Sprech klingt das so:

Vielleicht sind die Kinder hier alle so gut drauf, dachte ich, weil man sich durch Kunst die Welt zu eigen macht. „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mit gefällt.“ Pippi Langstrumpfs Motte als Schlachtruf einer Künstlergeneration? Ich hab mit einem der jungen Künstler diskutiert. Er fiel mir auf, weil er selber wie ein Teil der Ausstellung wirkte.

„Es ist zu laut“. Er meinte den Film, den er sich ansah.

„Kunst muss laut sein“, sagte ich und wickelte ihn in Klopapier ein.

„Aber es ist zu laut.“

Ich setzte ihm eine umgedrehten Schultüte. auf den Kopf. „Du bist ein Magier. Nutze deine Kraft, um deine Welt zu gestalten.“

Ich sah in seinen Augen, wie es in seinem Kopf ratterte. Er begriff, was passierte und lief davon. Nachdem ich diesen Auftrag erledigt hatte, ging ich ganz entspannt einkaufen und brachte meine Bücher in die Bücherei. Nur die Verträge hab ich nicht kopiert, da ich beschlossen habe: Das hat noch Zeit.

Montagsmuseum #23 (10.06.2019)

Die „Gedenkstätte Berliner Mauer“ werde ich kein Museum nennen, da dann die Mauer ein Kunstwerk wäre. Das knirscht, merkste? Aber weil gestern das Wetter zu schön für „was drinnen“ war und ich außerdem noch nie bei diesen Teil der Mauer besichtigt habe, der, laut Programmheft der einzige Ort ist, „an dem die Tiefenstaffelung des Grenzsperrsystems noch erfahrbar ist“, erweitere ich die Spielregeln.

Die „Tiefenstaffelung des Grenzsperrsystems“ klingt wie ein Roman von Michel Houellebecq. Es ist eine technische Beschreibung, die sich hervorragend als poetische Metapher anbietet.

Was mir seit meiner Rückkehr aus Spanien verstärkt auffällt (ich hatte aus mehreren Zufälle etwa ein Jahr lang auf den kanarischen Inseln gelebt) ist der grundgeSTRESSTE Zustand, der in Berlin herrscht. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie schrecklich eigentlich alles ist. Das Leben. Das Denken. Krebs, Trump, Insektensterben. Die ersten Monate hatte ich regelrecht Platzangstgefühle. Alles ist zu eng, wenn man mal am Meer gewohnt hat.

Und dann wurde ich eine Yogurette. Der simple Trick von Yoga ist, sich im Moment zu befinden. Als Kind war ich noch im Moment. Irgendwann, vermutlich so mit Mitte Zwanzig, hab ich das verlassen, als hätte mich jemand an ein großes Pendel gebunden, dass ständig zwischen Zukunft und Vergangenheit hin- und herschwenkt.

Ich bin noch nicht besonders erfolgreich mit meinen „Momenten“, sie sind noch kurz, bis das Pendel mich wieder mitreißt und ich darüber nachdenke, was ich letzten Freitag um 14:30 Uhr hätte besser machen können, als ich mit einem Filmproduzenten gesprochen hatte, der keinerlei Interesse an meinem Kinderbuchstoff hatte oder was in drei Monaten alles schiefgehen kann, wenn ich mit meiner Schwester eine Alpenwanderung mache. Es könnte regnen. Oh mein Gott.

Es gibt einen Bereich auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße, den lassen sie absichtlich verwildern. (Die Biene wollte unbedingt mit aufs Bild).

Dort lagern Mauerteile und ich dachte, ich seh nicht recht, als ich auf der Handfläche einen schwarzen Punkt entdeckte. Es ist ein Bohrloch. Plus die Flügel? Jep. Auf den Mauerteilen, die ehemals auf einem Sammelgrab standen, ist ein Graffiti-Jesus.

Da wächst einfach ein Baum durch die Mauer und wird sie in vielleicht zehn Jahren sprengen. Natur macht das. Wächst einfach weiter. Dieser Baum ist mein Moment. Die Mauer meine Vergangenheit.

Montagmuseum #22 (03.06.2019)

Am sonnengeküssten Sonntag mit 30 Grad ist in Berlin der zu empfehlende Ort der Botanische Garten. Es gibt dort eine wirklich reizend kuratierte Ausstellung.

In „Gebliebt, Gegossen, Vergessen“ geht es nicht nur um die Herkunft und Verbreitung der beliebtesten Zimmerpflanzen. Es geht auch, und jetzt wird es für den Storyteller interessant, um die verschiedenen Persönlichkeiten von Pflanzen.

Und da waren sie plötzlich wieder. Die Rückkehr meiner imaginären Frende Rubina, Jonah und Set. Drei Personen aus meinem ersten Roman, den ich 2001 begonnen, nach einer nächtlichen, einstündigen Wanderung vom Potsdamer Platz bis zum Prenzlauer Berg, als der Nachtbus ausgefallen war. Hatten sich in meinen Kopf eingenistet. Sie waren damals natürlich nicht die ausgefeilten Persönlichkeiten, die sie fünf Jahre später waren, als ich den Roman unveröffentlich auf Mallorca zu Grabe getragen habe. Dreimal komplett überarbeitet, aber wo kein Bogen ist, kann man keinen spannen. Hartes Lehrgeld. Die Figuren waren nicht schuld. Ich hatte mich einfach zu spät um das Technische gekümmert. Wie lange hatte ich nicht an sie gedacht? An Rubina bestimmt 12 Jahre.

Schwierige, empfindliche Rubina Saphira Perla Lilienstein. Eine Ballerina mit rosenberankter Villa, in der sie einsam ihre Pirouetten dreht und auf den Prinzen wartet. Er taucht dann auch auf, heißt Set, kommt vom Dorf, ist der neue Solist für den Orpheus und schwul. Sie werden Freunde und Rubina zeigt ihm ihren Lieblingsort, den Botanischen Garten (Wir hatten zu dritt auf der Bank gesessen und Set hatte hier zum ersten Mal erwähnt, dass er eher Jungs mag. Rubina hat fast geheult). Die Sumpflandschaft mochte sie damals am liebsten, da sie beide eine gewisse melancholische Schwermut teilen. Diese Supflandschaft ist mittlerweile erneuert worden. Irgendwas sagt mit, dass die geheimnisvolle Patin eine R.S.P. Lilienstein ist.

Antagonist und heimliche Hauptfigur der Gesichte war Jonah. Der dann auftauchende und erste echte Freund von Set, der sich zwischen diesen und Rubina drängte. Der nackte Stripper, wilde Überlebensexperte und hochexplosive Rechthaber. Mit einem imaginären Jonah im Kopf durch ein Museum zu laufen, macht einen zur giggelnden Irren, die wieder 16 ist. (Die Engländer und ihre Namen, Alter.)

Es war so schön, die drei wieder zu sehen, zu spüren, dass sie noch irgendwo leben – auch wenn Set in der Geschichte gestorben ist. Mich mit Rubina zu versöhnen, da ich sie mit der Erzählperspektive damals überfordert habe, tat gut. Jonah hätte die Geschichte getragen, aber aus irgendeinem unsicheren, unerfahrenen Grund dachte ich, dass ich als Frau keinen Mann schreiben darf. Dumm von mir, sorry. Rubina hat milde gelächelt und mir ihre kalte, zarte Hand gereicht. „Ich schreibe jetzt selber Gedichte“, hauchte sie und hinter meinem Rücken habe ich Jonah schreiend vor Lachend zusammen brechen hören. Ich hab sie beide lieb.

„Sackgasse, steht da, Alter. Sackgasse.“ – „Komm jetzt, Jonah, die Geschichte ist vorbei.“