Montagsmuseum #38 (30.09.2019)

Für den Besuch der Kuppel des Bundestages muss man sich mit einigen Wochen Vorlauf anmelden. Letzte Woche war es dann endlich so weit. Inklusive einer Stunde Plenarsitzung.

Das Wetter war mies. Als ich morgens um 09:00 Uhr ankam, war ich nass vom Regen. Beim Durchqueren der Sicherheitskontrolle tropfte es aus meinen Haaren und ich fand mich verdächtig. Meinen Perso musste ich gleich mehrfach vorzeigen und fragte mich nicht zum ersten Mal, was wohl über mich in den „Akten“ steht. „Die Akten“ ist ein mythischer Ort, vergleichbar mit Walhalla in der nordischen Mythologie. In meinem Kopf sind das hohe Räume mit steinernen Wänden, in denen sich dicht an dicht Aktenregale drängen. Die Akten sind alle in ausgeblichenen Senffarbe. Beschriftet sind sie mit schwarzem Filzstift. Sollte man mal eine öffnen, fallen dünne Papiere heraus, auf denen endlose Tabellen mit Schreibmaschinenschrift stehen. Es ist schier unmöglich, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Wer all die Akten anlegt, kontrolliert, überwacht weiß mein mythisches Bewusstsein aus einer Simpsonfolge, die ich als Kind gesehen habe. Dank der Googlesuche finde ich den Ausschnitt auf Anhieb. Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die davon geprägt wurde. Sie ist auf einer Seite der 8 Dinge, die „Die Simpsons“ visionär vorausgesehen haben.

Nach der strengen Sicherheitsschleuse bekam ich eine Nummer und ein Schild um den Hals, auf dem Tribüne stand. Eine freundliche Studentin geleitete meine Gruppe „13“ zum Eingang, durch gläserne Schiebetüren hindurch, bis zu einer Treppe, die wir hinauf gehen sollten. „Schier unmöglich“ sei es, sich zu verlaufen. Oben erwarteten uns ein Saaldiener in einer Livree (ich sag mal „Livree“, es war eine merkwürdig altertümlich wirkende Uniform, wie ein Butler sah er aus).

Er gab sich streng, die Telefone mussten ausgeschaltet werden. Ganz aus. Runterfahren. Meine Gruppe brauchte eine Weile, es wurde unangenehm, weil unser Butler drohte, wer mit Handy in der Hand erwischt wird, ist es los. Er hatte was von einem Volkstheaterschauspieler: der gefallene Patriarch, der einst stolz zu Pferde und nun mit Touristen. Mit Kanonen auf Spatzen, so fühlte ich mich.

Als wir den Sitzungssaal endlich betraten, lief die Debatte bereits. Es ging um ein neues Gesetz zur häuslichen Pflege, jede Partei durfte dazu ihre Meinung sagen. Es ging Schlag auf Schlag, die Redezeiten wechselten zwischen 3 und 4 Minuten. Die Wechsel sagte Wolfgang Schäuble an, der genauso barsch klang, wie der Butler, der sich neben uns positioniert hatte und unsere Handyabstinenz überwachte. Wie der Herr, so’s Gescherr.“

„Die“ reden da wirklich so wie im Fernsehen. Sehr versiert, kompetent, gründlich vorbereitet. Klingt alles gut, auch wenn für meinen Geschmack zu wenig mit rhetorischen Figuren gearbeitet wurde. Da war keine Poesie, kein „Ich habe einen Traum“ oder so. Vor diesem Hintergrund wurde mir klar, wie sehr gegen die Spielregeln „How dare you“ ist.

Umso ärgerlicher, dass der einzige, der völlig am Thema vorbei redete, die ganze Aufmerksamkeit bekam. Ich konnte von dort, wo ich saß, eine große Jugendgruppe beobachten, die die meiste Zeit reglos zuhörten, wenig Quatsch machten, entweder noch schliefen oder von ihrem Butler eingeschüchtert worden waren. Vielleicht waren sie auch einfach nur gut erzogen oder versuchten neugierig zu verstehen, wie Politik funktioniert, kann auch sein. Aber dann kam der Abgeordnete der AfD und erklärte, wie ungerecht es ist, dass Deutsche im Alter genauso viel Geld erhalten wie jemand, der aus Syrien kommt. Ungerecht sei das, weil der Syrer im Vergleich zum Deutschen in seiner Heimat ja noch ein Haus und Vermögen habe. Die Abgeordneten der anderen Parteien riefen laute Proteste. Leider waren die oben auf der Tribüne nicht zu verstehen, so dass die sichtliche Empörung der Jugendlichen, die größtenteils Migrationshintergrund hatten, nicht … wie soll ich sagen … die blieb im Raum stehen. Niemand sagte, dass das einfach nicht stimmt, was der Mann da redete. Es war im Bundestag gesagt worden, dass das mit den „Syrern“ so sei. Ich wünschte, wenigstens einen der Zwischenrufe verstanden zu haben.

Die gläserne Kuppel des Architekt Sir Norman Foster steht auch im Raum. „Transparenz“ stahlt sie aus. Kannste durchgucken. Sie liegt über dem Plenarsaal. Es regnete rein an diesem Tag.

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