Montagsmuseum #37 (23.09.2019)

Angeboten wurde in Mitte ein Workshop zum Thema „Forschungsmaschine – Verschränkte Verfahren von Kunst und Theorie“. Er war von einer Dichterin, die sich mit künstlicher Intelligenz auseinander setzt. Warum nicht, dachte ich.

Diese dreistündige Veranstaltung fand in einem alten Ballettsaal der „Volksbühne“ statt. Die Spiegel waren abgehängt, an den Wändern lagerten technische Geräte, der große schwarze Flügel war von einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Dichterin hatte die sympathische Diffusität einer introvertierten Persönlichkeit, die von Natur aus niemals einen Workshop geben würde. Blickkontakt halten, laut sprechen und für den Zeitplan verantwortlich zu sein, kostete sie gewaltige Kraft. Da sie sich selbst am meisten zu wundern schien, wie sie in diese Situation gekommen war, krönte ich sie zu meinem heimlicher Star.

Roboter in der Kunst oder wie „artifical intelligence“ die künstlerischen Prozesse verändert, um diese Fragen schwirrten ihre Gedanken, dazu zeigte auf ihrem Laptop zahlreiche Beispiele von künstlicher Intelligenz und schien davon auszugehen, dass wir die eh schon alle kennen.

Neu war mir allerdings, dass es einen Roboter namens Ai-Da gibt. „Sie“ malt nicht nur perfekte Bilder, sondern kann auch auf Fragen antworten oder weicht zurück, wenn man ihr zu nahe kommt. Unsere Dichterin erzählte, dass man Ai-Da auch zu Dinnerpartys einladen kann. „Sowie man sich Künstler zur Unterhaltung einlädt.“

Es waren etwa zehn Leute gekommen. Es war eine krude Mischung aus Künstlerinnen, Programmierern und einer Sozialarbeiterin, die von „intelligenten“ Protesen berichtete, die vorhersehen sollen, was ihr Mensch tun wollen wird. Zum Beispiel nach einem Glas Wasser greifen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand einen denkenden Arm haben möchte. Aber ich konnte mir vor dreißig Jahren auch nicht vorstellen, dass jemand ein Telefon will, dass Fotos macht. Vielleicht wollen in dreißig Jahren alle lieber Protesen anstelle der eigenen Arme, weil die schlauer sind?

Was künstliche Intelligenz ist und wie sie lernt, hat uns ein Programmierer anschaulich anhand von „Super Mario“ erklärt. Ein Computer hat dieses Spiel sehr oft durchgespielt und sehr oft „gestorben“. Aber jeden „Fehler“ hat er sich gemerkt und machte ihn kein zweites Mal. Am Ende war er der beste „Super Mario“ Spieler. So einfach: Lernen ist, Fehler nur einmal zu machen. Das war’s.

„Ich wünschte, mein Computer könnte sich merken, welche Fehler ich in meinen Texten mache“, sagte eine der Teilnehmerinnen. „Er kennt doch alle Entwürfe, die ich verwerfe. Alles, was ich wieder lösche.“

Ich stellte mir eine Rechtschreibprüfung vor, die mir jedes „sehr“, „etwas“ oder „ungefähr“ ankringelt. Das sind die Wörter, die ich am häufigsten lösche. Beim zweiten Überarbeiten. Das man sich dann sparen könnte.

Allein die Vorstellung nervte mich gewaltig. „Ganz“ gewaltig, noch so ein Füllwort.

Mein Blick fiel auf das staubige Klavier und ich fühlte mit ihm. Es dauert, bis man so aussieht. So und nicht anders. Besser. Auch wenn man so nicht zu Dinnerpartys eingeladen wird.

In der Garderobe des Ballettsaals klebte an jedem Fach die Warnung, sich vor Taschendieben in Acht zu nehmen. Offenbar war dort geklaut worden. Hieß das nun, keine Taschen mehr dort zu lagern? Was für einen Sinn hat eine Garderobe, wenn in ihr keine Taschen gelagert werden können, da schon mal geklaut worden war? Mein Hirn verknotete sich.

„Die Hinweisschilder sind hier auch auf Chinesisch“, sag ich zu einer Teilnehmerin. „Vielleicht sind viele Balletttänzerinnen aus China?“

Sie sagt schulterzuckend: „Oder es ist ein Gag.“

Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. Das war auch viel zu kurz gekommen in der ganze Diskussion. Können künstliche Intelliegenzen überhaupt lustig sein? Hat Humor nicht gerade mit dem scheitern zu tun? Das vermeiden von Fehlern ist eine furchtbare Angelegenheit, denke ich beim Verlassen des Gebäudes. Es macht überhaupt keine Spaß. Was sagt das dann über Fehler?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s