Montagsmuseum #14 (08.04.2019)

Tränenpalast – Ort der deutschen Teilung

Die DDR war für mich als Kind wie der Stoff eines Films. Es konnte schließlich nicht wirklich ein Land geben, das seinen Einwohnern die Ausreise verweigert. Ich erinnere mich an eine Stunde in der Grundschule, als unsere Lehrerin Frau Görk von den Fluchtversuchen erzählte. Vor ein paar Jahren war jemandem in einem Heißluftballon entkommen. Wir Kinder machten viele Vorschläge, wie wir es anstellen würden. Tunnel graben. Als Soldat verkleiden. Als Paket verschicken. Ich erinnere mich an die Idee von Hannes, der aus dem Westen mit einem Auto in die DDR fahren wollte, dort jemanden suchen, der ihm ähnlich sieht, diesem Menschen die eigenen Papiere geben, so dass der „legal“ ausreisen konnte und dann selber mit einem Ballon davon zu fliegen. Das hab ich mir wohl gemerkt, da ich es schon als Grundschülerin für zu komplex hielt.

Als dann am 09.November 1989 die Grenze aufging, war Kassel ein beliebtes Reiseziel. Dass jemand unsere Stadt interessant fand, war noch etwas, das ganze Häuserblöcke an meinem Horizont wegsprengte. „Komm, wir gehen Ossis gucken“, sagte mein Vater und fuhr mit mir in die Innenstadt. Dort sah ich einen Mann, der sich neben den Kotflügel eines Oldtimers hockte und sich von seiner Frau fotografieren ließ. Das fand ich mega peinlich. „Man erkennt sie an den Plastiktüten“, sagte mein Vater. Für ihn war das auch spannend, erinnere ich mich, als ob die Figuren aus einem Film plötzlich in der Realität eingefallen wären.

Wie es anders herum war, weiß ich auch noch. Mit der Theatergruppe waren wir in Erfurt. An der „Schotte“. Die Jugendlichen waren dort viel besser als wir. Wir spielten seit ein, vielleicht zwei Jahren Theater. Die machten es seit 5-6 Jahren. Ich kam mir provinziell vor. Dabei fand ich am schönsten an Erfurt das gelbe Licht der Straßenbeleuchtung. Das war wärmer als das weiße in meiner Heimatstadt. Vielleicht auch wieder filmischer.

Weil sich die DDR für mich immer wie ein Märchen angefühlt hat, vor dem man sich wohlig gruseln konnte, das aber sehr weit weg war, versteh ich eine Sache nicht. Warum heul ich dann bei meinem ersten Besuch im Tränenpalast Rotz und Wasser? Warum krieg ich eine Gänsehaut, wenn ich Fotos sehe, wo Menschen auf der Mauer stehen? Warum starre ich gebannt auf die Tagesschaubilder, die sich umarmende Menschen zeigen? Ich habe den Verdacht, dass an einer grundsätzlichen Haltung meiner Jugend liegt, dem Zeitalter der Ironie. Oder, wie es poetisch in einer Folge der Simpsons thematisiert wurde, ist es ein Problem der MTV-Generation. Nie richtig glücklich gewesen zu sein heißt auch, nie richtig traurig gewesen zu sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s