Montagsmuseum #21 (27.05.2019)

Die amerikanische multimedia Künstlerin Signe Pierce stellt zur Zeit in der Galerie „Eigen+Art Lab“ aus. Sie ist bekannt für ihre Performance „American Reflexxx“, die sie zusammen mit ihrer Partnerin Alli Coates drehte. Darin stöckelt und windet sie sich als übersexualisiertes Wesen mit einer Maske vor dem Gesicht nachts eine vielbesuchte Promenade entlang. Ergebniss ist, dass sie von einem Mob von Menschen verfolgt, beleidigt, bespritzt und schließlich hinterrücks zu Boden geschubst wird. Ich gestehe, ich habe es nicht ertragen, das Video in voller Länge anzusehen. Das Schubsen ist bei 10:28 und bei 12:42 wehrt sie sich endlich gegen den Mob.

Signe Pierce, geboren 1988, ist kein Opfer von Unterdrückung und Ausbeutung. Sie ist Künstlerin, sich der Souveränität ihres Körpers bewusst und kann in Interviews intellektuell begründen, was sie da tut.

Was mich augenblicklich zu Madonna bringt. Vieles von Signe Pierce erinnert mich an sie. Das Blondieren. Das Sexobjekt-Ding. Der wütende Mob.

Wenn man sich über etwas aufregt, heißt es, dass es einen „Knopf“ in einem drückt. Es „kitzelt“. Etwas in einem drinnen. Was tief verborgen bleiben soll. Sonst könnte es einem ja völlig egal sein. Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass die Frau, die Signe Pierce bei ihrer Performance geschubst hat, übergewichtig und alt war. Da hatte sich was „aufgestaut“ in ihr.

Ich habe am Wochenende einen Solo-Impro Kurs besucht. 12 Stunden lang haben wir geübt, mit uns selber Szenen zu spielen. Allein auf der Bühne zu sein. Dem Publikum einen Teil unseres Gehirns zu zeigen. Die ersten 6 Stunden waren hart. Ich hab es nicht hingekriegt. Gar nicht. Ich spiele seit über zehn Jahren Impro., aber hab mich gefühlt wie ein totaler Anfänger. Am nächsten Tag wurde es besser und dann, endlich, eine 5 Minuten Performance, ganz allein, mit der ich zufrieden war. Die mir selber heute noch nachhängt. In der ich (und ich schätze mal, nur ich) etwas über mich selber erfahren habe. Mir selber begegnen durfte. Meinem eigenen „Warten auf Godot“ beiwohnte. Du merkst, wenn es passiert, Schwester, falls du dich fragst, ob das nicht nur wieder eine Rolle war, die ich gespielt habe.

Ich glaube, was mich so stresst an Signe Pierce ist, dass sie in mir die hässliche alte Frau anspricht, die sie schubsen will, weil das alles nicht echt ist und sie nicht glücklich macht und der ich erklären möchte, dass sie selber in einer eigenen Welt lebt, in der sie geliebt wird und glücklich sein kann. Sie hat mit der Welt von Signe Pierce nichts zu tun. Das ist Kunst. Das ist nicht real. Außerdem wird nicht geschubst, schon gar nicht von hinten.

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